09.11.2025
Friedensdekade 2025 – Gedankenflug – zwischen großem Leid und Frieden, der abehbt?

Friederike Kurzke, begleitete mich im Herbst 2025 nach Syrien und den Libanon. Im Gottesdienst zur Friedensdekade am 9.11.2025 in Rüdersdorf/Thür verarbeitet sie die Eindrücke dieser Reise und und verbindet sie mit dem dringenden Wunsch, dass Friede endlich fliegen lernt.

Der Herbst ist da und das ist mir schon ziemlich klar, wenn ich morgens die Tür verlasse. Ja, wie ich es hasse, denn es zieht immer. Wenn ich zur Straßenbahn laufe, meistens doch eher renne und am Ende mein Fahrrad am besten kenne, treibt mich der Wind. Meistens lande ich irgendwann in der Uni, auch wenn nicht mit dem Flieger. Fliegen - das übernehmen meine Gedanken für mich, die längst abgehoben sind. Fliegen können sie gut. Nur landen, das klappt selten. Denn mein Landeplatz ist nicht da, wo es um all die Kleinigkeiten geht, nicht da, wo man streitet, ob der Kaffee zu teuer oder das Wlan zu schwach ist. Mein Landeplatz ist dort, wo das Leben scharfkantig ist und bei den Geschichten dahinter - besser gesagt bei den harten Lebensrealitäten von Menschen, die eigentlich sind wie du und ich nur ohne das „wie gut wirs haben Gefühl“. So erinnere und denke ich an die Menschen, die ich in Syrien und im Libanon vor einem Monat traf und nicht vergaß. Dort weht ein anderer Wind. Kein goldener Herbst, sondern einer, der durch Trümmer pfeift und die Stille schreien lässt. Ein Wind, der nach Staub schmeckt, nach Angst, nach „vielleicht morgen“. Der Checkpoint-Wind, der entscheidet, wer weiterfährt und wer bleibt.
Erinnerung immer noch an diesen Raum. Glückliche Gesichter sah man kaum. Eigentlich gar nicht. Es gab kein Licht. Wie auch? Wenn Überleben schon Luxus ist. Landeplatz hier Latakia – ein Ort, wo dieses Jahr Massaker stattfanden. Eine Bauersfrau saß vor mir. Vier ihrer Familie wurden enthauptet und ins Feld geschmissen. Sie war so zerrissen. Sie weinte. Sie haben nichts mehr. Umgebracht wurden sie von den Nachbarn, weil ein A für Alawit über der Tür stand. Auf die Straße wurden sie geschmissen. Absurd – diese Vorstellung, dass diese belebten Straßen vor wenigen Monaten mit mehreren hunderten unschuldigen Toten beschmückt war. Das dieselben Straßen, wo Kinder einmal spielten, jetzt von Blut erzählen. Nächster Landeplatz Homs. Ich lernte zwei Schwestern kennen, 15 und 19. Sie sagten: „Was bringt es mir unglücklich zu sein?“ Ich hörte zu. Schwieg erstmal. Weil was sagt man diesen Gleichaltrigen, wenn meine Sorgen der goldene Herbstwind Zuhause sind und ihre das Leben selbst, sie Hoffnung wie eine Disziplin trainieren müssen und sie lachen, damit es das Leben auch mal wieder tut? Weiterflug dann in die Hauptstadt. Damaskus mit diesem bezaubernden Charme. Doch wird hinter die Mauern geschaut, trifft man auf Kinder, die ihre Eltern verloren haben, traumatisiert sind, viele Tränen fließen und nur noch der Glaube Kraft schenkt, obwohl Ihnen der Ort, diese Kraftquelle, bei einem Anschlag auf eine Kirche diesen Jahres im Mai genommen wurde. Ein Stück weiter in Arbin. Immer noch unzählige kaputte Häuser, wo nur geahnt werden konnte, wie diese mal aussahen. So stellt man sich eine tote Stadt vor, wo nur der Staubwind weht, aber nein – Menschen leben dort. Nicht nur da. Unzählige weitere Gebiete wurden zerstört, werden zerstört. Absolute Grenzen des Überlebens sind erreicht. Grenze zu Israel, mal fehlt ein Zimmer, mal fehlt ein Haus, mal fehlt ein ganzes Dorf. Aber am meisten fehlt uns: Bewusstsein. Weißt du, mir fehlen die Worte, wenn ich hier schreibe und du kannst es wahrscheinlich immer noch nicht greifen und hast meine Worte heute Abend wieder vergessen. Aber was sagst du, wenn dir erzählt wird, das letzte Woche eine Mutter ihr Kind im Arm hatte und wenig später runter blickte und es keinen Kopf mehr hatte und zwei ihrer Kinder ebenfalls umgekommen sind. Ich könnte noch ewig all das erzählte weitertragen. Denn ich habe es einfach nur satt, dass diese Geschichten, diese Menschen vergessen bleiben. Linda, die Frau, die Straßenkinder im Libanon begleitet sagte: „Ich kaufe Fleisch im selben Supermarkt wie sie. Sie sind nicht besser als ich und ich nicht besser als sie.“ Und ich dachte: Vielleicht ist genau das ja der Frieden, wenn man aufhört, sich zu unterscheiden. Wenn ich jetzt hier sitze, zurück also im sicheren Herbst, dann fliegen meine Gedanken immer wieder. Mal zu schnell. Mal zu schwer. Und manchmal wünsche ich mir, sie würden einfach landen – nicht nur bei all dem Leid, nicht nur in der Erinnerung, sondern irgendwo, wo Hoffnung wächst. Vielleicht denke ich, sollten nicht nur die negativen Gedanken fliegen. Vielleicht sollte auch der Frieden endlich abheben. Sich vom Boden lösen, sich vom Lärm befreien und über Grenzen hinweg segeln – so wie der Wind. Denn Frieden ist kein Zustand. Frieden ist Bewegung. Ein Wind, der nur wehen kann, wenn wir ihm Luft geben. Also „komm wir ziehn in den Frieden, WIR sind mehr als du glaubst“. Ganz nach Udo Lindenberg. Nicht irgendwann, nicht später, sondern jetzt.



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